Mädcheniade

di

Reinhard Knoppka

Trotz Verlag

Mädcheniade - Bookrepublic

Mädcheniade

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Reinhard Knoppka

Trotz Verlag

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€ 6,49

Descrizione

Inhalt:
Keine Hexen
Und ich glaubte, ich träume
Unverhofft
Das Marmormädchen
Engel
In einer Balthus-Ausstellung
Cybervamp
Der Gottesmann
Reiten und reiten
Mädcheniade


Leseprobe:
Kleine Hexen

Immer wenn Birgit aus der Schule nach Hause kam und ich ihr die Tür aufmachte, wunderte ich mich, wie winzig sie noch war, hatte ich sie doch viel größer in Erinnerung, vielleicht weil sie für mich wuchs, wenn sie da war, riesig wurde mit ihrem Geschrei und Gehüpfe, womit sie die Stille und Leere ausfüllte, die mich eben noch umgeben hatte, als ich mit dem Rad hierher gefahren war, unter einem grauverhangenen Himmel, an abgeernteten Feldern vorbei, durch verlassene Parks mit laubbedeckten Rasenflächen und kahlen Bäumen, in diese Vorortsiedlung mit umgegrabenen Blumenbeeten in den Vorgärten, und ein Gefühl der Trostlosigkeit hatte sich in mir ausgebreitet, das sich bei ihrem Erscheinen schlagartig auflöste: da stand sie in der Tür, klein und zart vor dem großen Ranzen, der eckig über ihre schmalen Schultern hinausragte, die sie jetzt zurückbog, so daß er an ihrem Rücken runterrutschte und zu Boden polterte, von wo ich ihn aufhob, um ihn ihr hinterher zu tragen, dachte sie doch nicht daran, ihn selber aufzuheben, mochte ich auch noch so rufen, verschwand sie vielmehr lachend im Haus, riß sich Mütze, Schal und Handschuhe herunter, ließ alles mitsamt dem Anorak einfach fallen, rannte dann zum Schrank, schob einen Stuhl davor, kletterte hinauf und griff nach der Steingutschale mit den Süßigkeiten, erreichte sie aber nicht, öffnete die linke Schranktür, benutzte die Innenfächer als Stufen und kletterte affenartig hinauf, klemmte sich mit ihrem linken Arm an der hin- und herschwingenden Tür fest, griff mit der freien Hand in die

Schale, stopfte sich Bonbons und Plätzchen in die Hosentasche, verlor den Tritt, hing strampelnd an der pendelnden Tür und schrie um Hilfe, aber ich sammelte erst mal ihre Sachen auf, hängte sie an die Garderobe, sah aus den Augenwinkeln, wie sie sich bäuchlings über die Türkante schob, während sie mit den Schuhen gegen das Holz trat und mich herbeirief, ließ sie noch etwas zappeln, tat dann ganz verwundert, als ich schließlich doch hereinkam, gab der Tür noch einen Schubs, worauf Birgit loskreischte, und pflückte sie endlich herunter.
Der Weg zum Kindergarten, von dem wir Elsa, Birgits Schwester, abholten, war voller Hundekacke, ein Jux für die beiden Mädchen, die sich auf dem Rückweg gegenseitig in die Köttel hineinzurempeln versuchten, über die sie hinwegsprangen, bis sie auf die Idee kamen, sich gegen mich zu verbünden, mich gemeinsam zu schubsen, und ich machte Storchenbeine, taperte, stolperte in einen Haufen hinein, glitschte schlitternd aus, hüpfte auf einem Bein, kratzte mit einem Stöckchen das stinkende Zeug aus den Sohlenrillen, während Elsa mich von hinten schubste, was mich fast zu Fall brachte, und Birgit griff mich von vorne an, drückte ihren Kopf in meinen Magen, wobei ich durch den Gegenstoß mein Gleichgewicht wiederfand, und ich lief mit aufklatschenden Sohlen davon, um den Hundedreck aus dem Profil zu schlagen, der auf dem Pflaster zurückblieb und über den die Mädchen sprangen, die mich verfolgten, ärgerlich stehenblieben, als ich mich nicht einholen ließ, und ich ging in die Hocke, worauf sie angerannt kamen, mit flatternden Haaren, und sich in meine Arme warfen, und ich drehte mich mit ihnen im Kreis, bis uns schwindelig wurde – da spielten wir Betrunkene auf dem Heimweg von der Kneipe, taten so, als müßten wir uns übergeben, umschlangen Laternenpfähle und taumelten lallend nach Hause.
Unbeholfen zog Birgit mit der linken Hand einen Bogen, der ausrutschte, über die hellgraue Linie hinausfuhr, zu einem Spitzdach verunglückte, das sie wütend durchstrich, worauf sie zu einem neuen U ansetzte, dabei den Zeigefinger mit dem Trauerrand, der an ein Keepsmiling erinnerte, fest auf den störrischen Bleistift drückte, um ihn im Zaum zu halten, in Rechts- und Linkskurven zu zwingen, doch er brach immer wieder aus, und statt schöngeschwungener Schleifen entstanden häßliche Zickzacklinien, aufgeblähte Rundungen, die den Buchstaben etwas Krankhaftes, Mißgestaltetes verliehen: ein U war spitzig abgemagert, das nächste unförmig dick, aber sie standen immerhin, wenn auch wie besoffen torkelnd, doch dann wurden sie vom nachrutschenden, verschwitzten Faustballen der Linkshänderin verschmiert, die das allerdings nicht störte, weil sie nur nach vorn guckte, auf das Ende der Zeile konzentriert war, um sogleich die nächste anzugehen, wieder die nächste, bis das Seitenende erreicht wäre, aber es war noch schrecklich weit entfernt, und eine endlose weiße Fläche mit hellgrauen Linien trennte sie vom Ziel, wie eine hohe Schneedecke, durch die sie nur mühsam vorwärtskam, immer wieder einsackend, kaum von der Stelle kommend, den verkrampften Zeigefinger mit dem Trauerrandgrinsen auf den rutschigen Rücken des widerspenstigen Bleistifts gedrückt, der stumpf über das rauhe Papier schabte, als er plötzlich an einer Un9 ebenheit hängenblieb, worauf sie noch fester drückte, bis die Spitze abbrach, jäh aus der sich verjüngenden Holzfassung knickte, was mich an Birgits Milchzahn erinnerte, der ihr ausgefallen war, als sie an meinen Beinen gehangen hatte, während ich am Herd vor dem Nudeltopf gestanden und darin herumgerührt hatte – da hatte sie mir ins Hosenbein gebissen, und ich hatte sie abschütteln wollen, aber sie hatte sich plötzlich stumm um mein Bein zusammengerollt, beide Hände auf den Mund gedrückt, und ich hatte schon geglaubt, ein Wasserspritzer hätte ihr Gesicht verbrüht, und ihr ängstlich die Hände weggebogen, aber nichts war zu sehen gewesen, und ich hatte gedacht, sie habe mich mal wieder angeschmiert, doch da hatte sie den Mund aufgerissen, und in ihrer unteren Zahnreihe hatte ein Loch gegähnt, davor ihr nach außen heruntergeklappter Zahn, ein kleiner Elfenbeinsplitter, nach dem sie getastet, den sie mit Daumen und Zeigefinger gepackt, auf- und abgebogen, dann mit einem Ruck herausgedreht und in ihrer hohlen Hand betrachtet hatte, eine porzellanweiße Scherbe in einer rotschäumenden Speichellache, und auf meine Frage, ob sie Schmerzen habe, hatte sie genickt und mit einer Leidensmiene an ihrer Zahnlücke geschlürft, doch der Schalk hatte ihr aus den Augen geschaut – na warte!
So lange wir das Haus für uns allein hatten, tobten wir durch alle Räume und spielten im Keller Verstecken, wo ich mit Elsa in einem dunklen Raum hockte, die ich flüsternd beruhigen mußte, was uns verriet, und als Birgit die Tür mit einem Schrei aufriß, spürte ich etwas Nasses auf meinen Knien: Elsa hatte sich in die Hose gemacht und umklammerte mich, während ich mit ihr die Treppe hochging, vorbei an Birgit, der ich zurief, sie solle frische Wäsche für ihre Schwester holen, die ich im Bad auszog, während sie mich mit großen Augen ansah – „Halb so schlimm“, sagte ich und wusch sie mit einem warmen Lappen ab, die Schenkel, den schmächtigen Po mit den eingehöhlten Backen, wenn sie ihn anspannte, und sie schlüpfte in die Babyrolle, steckte den Daumen in den Mund und sagte mit Kindchenstimme: „Esa böse dewesen, Esa kiegt Haue“, worauf sie sich selber auf den Hintern klatschte, und ich ging mit dem Handtuch dazwischen, trocknete sie ab, sah ihre Gänsehaut, den Flaum, der sich darauf sträubte und im Sonnenschein flirrte, und wurde aus meiner Betrachtung gerissen, als Birgit mir Strumpfhose, Schlüpfer und Jeans von ihrer Schwester ins Gesicht schmiß, die sie von mir wegriß, worauf sie sich auf mich stürzte und mich fast erdrosselte, während Elsa heulend in der Ecke saß, und ich machte mich von Birgit los, half ihrer Schwester beim Anziehen, worauf sich die Mädchen wieder gegen mich verbündeten, kleine Hexen, die mich ansprangen, eine auf meinen Rücken, während mich die andere von vorn umklammerte, und nun sollte ich sie runtertragen, hü!
Wie still es war, als ich die Mädchen zur Orff-Stunde gebracht hatte und Wolfgang, ihr zehnjähriger Bruder, soeben aus der Schule gekommen, im Wohnzimmer aß, während ich spülte, die Teller ins lauwarme Wasser tauchte, in dem Salatblätter schwammen, die um sich selber kreisten und im Trüben versanken, als mich ein Strahl im Nacken traf, worauf ich zu Wolfgang herumfuhr, der grinsend im Türrahmen stand, bewaffnet mit einer Plastikflasche, die oben eine Düse hatte, aus der beim Drücken auf den Griff ein Spritzer schoß, jetzt gegen meine Brillengläser, und Tropfen rannen an mir herunter, versickerten im Kragen, bis ich ganz durchnäßt war, so daß ich die Brille abnehmen und die Augen zukneifen mußte, als er auf meine Hose zielte, dann die Flucht ergriff, denn ich sprang auf ihn zu, verfolgte ihn über Tische und Stühle, die er mir in den Weg schob, während er mich mit Wassersalven eindeckte, bis die Flasche leer war, und dann hatte ich ihn, warf ihn zu Boden, wo er sich einrollte, zog ihn an den Füßen auseinander, setzte mich auf ihn, spürte seinen schnellen Puls, roch eine Mischung aus Schweiß und Waschmittel und bot ihm Frieden an – okay, aber dann müßten wir eine Friedenspfeife rauchen, und ich steckte eine Zigarette an, inhalierte, ließ ihn daran ziehen, worauf er sie mir nicht zurückgab, sondern vor mir aufrauchte, routiniert, mit tiefen Lungenzügen, und dann erklärte er, ich hätte ihn zum Rauchen angestiftet, er würde das seinen Eltern sagen, dann flöge ich raus, worauf ich mit den Schultern zuckte, und er rief hitzig, außerdem würde ich ständig an seinen Schwestern kleben, worauf ich lachend erwiderte, sie klebten ja wohl eher an mir, ob er vielleicht eifersüchtig sei, und er fauchte, er sei doch nicht schwul, und schob türenknallend ab: da stand ich, buchstäblich wie ein begossener Pudel, wischte mir die Tropfen mit dem Ärmel aus dem Gesicht und rückte die Möbel auf ihre Plätze zurück, während von oben Rockmusik herunterdröhnte ...

Dettagli

Categorie

Letteratura

Dimensioni del file

206,0 KB

Lingua

ger

Anno

2020

Isbn

9783966862295

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